Socialdemokraten auf dem Monde

MondsozenSuperwahljahr und 40 Jahre Mondlandung – was liegt da näher, als den längt vergriffenen Roman Socialdemokraten auf dem Monde. Eine Weltraum-Clamotte zu besprechen?

Graf Oscar von Reventlow, monokeltragender Preusse und Veteran des Ersten Weltkrieges, will den Mond als Kolonie des siegreichen Deutschen Reiches in Besitz zu nehmen. Dazu entwarf er das Weltenraumschiff Excelsior, in dem er für Kaiser Wilhelm II. zum Mond aufbricht. Begleitet wird er dabei von seiner ebenso schönen wie züchtigen Frau Clothilde und seinem treuen, aber einfältigen Diener Carl. Was niemand ahnt: Der Elberfelder Carl ist in Wirklichkeit unter dem Decknamen Iwan Iwanowitsch Iwanow Agent der Comintern und plant, dem edlen Adligen die „Excelsior“ zu entwinden, um ihn der Sowjetunion zu überlassen. Als das Trio nach kurzer Reise den Erdtrabanten erreicht, entdecken sie zum allgemeinen Erstaunen seltsame Ruinen. Im Mondstaub stehen seit Jahrhunderten verwaiste Häuser, die alle seltsam schmucklos und karg erscheinen. Fiel die alte Mondzivilisation etwa der Machtergreifung socialdemocratischer Elemente zum Opfer? Zudem stellt sich bald heraus, dass die drei Deutschen nicht allein auf dem Mond sind.

Was für ein Einfall! Der klassische Abenteuerroman des ausgehenden 19. Jahrhunderts, im Stil von Quatermain oder John Carter (dem Warlord of Mars), nur aus deutscher Perspektive. Der Held ist der Prototyp des Entdeckers des imperialistischern Zeitalters, von Nationalstolz erfüllt, rücksichtslos gegen seine Feinde und zartfühlend gegenüber seiner Frau. Wenn er nicht grade heimlich in gewissen Etablissements voller spärlich gekleideter Französinnen unterwegs ist. Denn anscheinend konnte der Autor Ronald M. Hahn die knallharte Überzeichnung nicht immer durchhalten und wollte hin und wieder durchblicken lassen, was für ein lächerlicher und fragwürdiger Held von Reventlow ist. Und das ist auch gut so, möchte man mit den Worten eines anderen Socialdemokraten sagen, denn ohne gelegentliche Blicke hinter das Klischee wäre das Buch vielleicht zu hart. Auch Gräfin Clothilde zeigt ab und an, dass sie nicht ganz das blonde Dummchen ist, für das ihr Graf sie hält. Dafür ist Carl Napp alias Iwan Iwanowitsch Iwanow der Schurke ohne jedes gute Haar, der sogar seinen teuflischen Plan an die gefesselten Helden verrät. Ein weiterer Bonus sind Insidergags für SF-Freunde; wie etwa ein schwarzer Monolith auf dem Mond oder Reventlows Furcht, die Engländer könnten eine Weltallmarine gründen. Manchmal leidet die Erzählung ein bisschen unter Albernheit. So etwa überlegt ein englischer Professor, ob karottenartige Außerirdische Vegetarier sind – und folglich Kannibalen. Oder kannibalistische Vegetarier? Oder vegetarische Kannibalen? Man kann sich das in etwa vorstellen.

Insgesamt ist „Socialdemokraten auf dem Monde“ ein kurzweiliger Roman, der für jeden Freund von Steampunk, alternativer Geschichte und Weltraumklamotten zu empfehlen ist. 8 von 10 Plätzen an der Sonne. Das (nicht sonderlich toll) illustrierte Buch ist vergriffen, aber für ein paar Pfennige im WWW* zu finden.

* Wilhelms WunderWerk, wie das überkoloniale Kommunikationsnetzwerk in einer deutsch-imperialen Welt sicherlich heißen würde.

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