Ich hab Worte V: Kress, Alter. Echt kress.

Manchmal kann mich auch Wikipedia noch überraschen. Da habe orange nachgeschlagen (Auf der Suche nach der überlegenen Richtigkeit von entweder orangefarben oder orange) und erstaune über das altdeutsche Wort kress. So hieß die Farbe Orange früher. Und auf einmal wurde mir eine Frage beantwortet, die mein armes Klugscheißerhirn schon immer quälte. Was war zuerst da: Frucht oder Farbe? Die Frucht, Danke Wikipedia!

Von Mönchen erfunden: Kapuzinerkresse (© dici / PIXELIO)

Von Mönchen erfunden: Kapuzinerkresse (© dici / PIXELIO)

Also haben Deutschsprachige irgendwann in der frühen Neuzeit die ersten Apfelsinen über die Alpen rollen sehen und dachten: „Krass, die ist ja viel kresser als die kappuzinierte Kresse.“ Denn der Ursprung von kress (damals noch kreß) stammt auch aus Floras Reich und leitet sich von der Kapuzinerkresse ab, die orangefarben blüht. Und flugs starb kress aus, ersetzt von orange. Na gut, zwischendrin waren noch rotgelb und gelbrot en vogue, aber dann fanden alle die schicke neue Fruchtfarbe in modischem französisch besser. Schade eigentlich. Lautmalerisch passt kress und wirft nicht dasselbe Problem auf wie die Aussprache von orange. Da haben wir die Wahl zwischen schnöselig-affektiert mit nasalem o: oˈʀɑ̃ːʒ oder proletarisch dumpf über alle Feinheiten bügelnd: ohrangsch. Da doch lieber ein frisches Kress. Natürlich nach neuer Rechtschreibung kress, nicht kreß.

Passt auch besser ins deutsche Sprachbild mit prägenden Worten wie Bratwurst, Schrapnell und Sauerkraut. Und für eine Warnfarbe, die Gefahrgut kennzeichnet. Nichts schreit so sehr „Achtung!“ (das deutsche Wort für viele Nichtdeutschsprecher) wie kress. Orange klingt nach „Hallo, ich denke, da vorne ist vielleicht etwas nicht ganz ungefährlich.“ Höflicher, aber kaum warnend. Deswegen plädiere ich für die Wiedereinführung von kress. Die Wuppertaler Stadtwerke: kress-blau. Der Umsturz in der Ukraine: die kresse Revolution. Mitmenschen mit sonnenstudiogeschädigter Haut: Kresshäute (man kann aber weiterhin Oompa Loompa sagen). Passt auch besser zur CDU-Lieblingsfarbe, klingt deutscher (siehe oben). Nur die Orange sollte weiterhin so heißen. Als Kresse bestünde Verwechslungsgefahr.

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7 Kommentare

Eingeordnet unter Wort, Wortspinnerei

7 Antworten zu “Ich hab Worte V: Kress, Alter. Echt kress.

  1. Wie krass die Kapuzinerkresse sein kann, beweist die Geschichte, die meine Schwester gerne jeden Sommer zum Besten gibt.
    Susa hatte ein ganzes Beet mit leuchtendem Kress bestückt. Das flirrende Orange verlor nach einigen Wochen an Kraft. Nach Untersuchung wurde ein schwerer Blattlausbefall diagnostiziert. Eine schwarze klebrige Massen, träge, nur wenige mit Flügelfunktion ausgerüstet.
    Schwesterchen, nicht auf den Kopf gefallen, suchte im nächsten Blumenladen Rat.
    Ihre Frage nach einem natürlichen Mittel gegen wachsende Blattlauspopulation auf Blumenrabatten, war schnell beantwortet. „Pflanzen Sie einfach Kapuzinerkresse dazwischen“, ermutigendes Lächeln der Fachverkäuferin, “da gehen sie besonders gerne drauf.“
    So fragt die Prä-Microbloggerin schüchtern:“ Ist es nun Farbe oder Form, die diese Masse an Followers generiert?

  2. fabioso

    Ich sage: Die Farbe! Nicht umsonst ist Orange 2011 im Trend: http://www.y-style.de/cms/de/fashion/gabelseite-fashion/die-neue-trendfarbe-orange/

  3. bk

    Wie steht es bei dieser Betrachtung von Farbe, Sprachgebrauch und kulinarischen Genüssen eigentlich mit der holländischen Nationalmannschaft?
    „Ohne Kresse fahr’n wir nach… wohin auch immer“

  4. fabioso

    Diesen Aspekt habe ich noch gar nicht betrachtet. Wie oranje wohl vorher hieß?

  5. Pingback: Sie wollen unsere Gehirne! | Fabians Weblog

  6. Wo?hier?!

    Was ich mich nur Frage, wie kam die Kapuzinerkresse von Amerika her übers Meer, noch bevor die erste Apfelsine („Apfel aus China“) über die Alpen rollte???

  7. fabioso

    Oh, ein guter Einwand. Die Süßorange kam ja auch erst im 15. Jahrhundert hier an, vielleicht zusammen mit der Kresse. Vielleicht hätte ich mich aber auch nicht auf Wikipedia als erste Quelle verlassen und tiefergehende Recherchen anstellen sollen.

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