Meine Freunde

Nachdem der großartige Dirty Nerd David Grashoff am Freitag meinen nerdigen Text Knut kommt nicht mehr veröffentlich hat, kommt hier den zweiten Teil der „Leidensgeschichte eines RPG-Nerds“-Trilogie. Immerhin hat er mir zum ersten Platz beim Fantasy-Poetry-Slam auf dem Ratcon 2010 verholfen. Zugegeben, ich war der einzige Slammer mit mehr als zwei Texten.

Meine Freunde

„… zweimal Sara(h), eine mit und eine ohne ‚h‘ und beide mit Rollenspielvergangenheit (das schlimmste Hobby der Welt).“
– die Zeitschrift »Business Punk« in der für sie typischen Mischung aus Arroganz und Ignoranz

Ich bin gerade eben noch in den Supermarkt geflitzt. Hier kaufe ich voller Vorfreude einen Sixpack Malzbier und die von mir heiß geliebten schokoladenumhüllten Haselnüsse. Die Marketingabteilung der Supermarktkette tituliert sie voller Hybris ob der chocolatiermäßigen Kunstfertigkeit ihrer Produktionsabteilung ‚Haselnuss-Pralinen‘. Leise den Conan-Soundtrack pfeifend schlendere ich zur Kasse. Die Vorfreude bezieht sich keineswegs auf das Kalorienvernichten, das in etwa zehn Minuten den Burnout meiner Bauchspeicheldrüse um einen nicht unerheblichen Zeitfaktor näher bringen wird.

Nein, das bevorstehende nerdige Vergnügen zaubert mir ein Grinsen auf das Gesicht. Mein Paladin steht kurz vor der 10. Stufe. Zum Glück konnte ich mich an der Supermarktkasse beherrschen und habe nicht auf das „Schönes Wochenende“ der ansonsten unmotivierten Kassiererin gesagt: „Jahaa, das wird ein Spitzenwochenende, denn endlich werde ich den Kopf des Orkkönigs Urgaz des Ekelhaften auf meinen Burgmauern aufgespießt präsentieren!“ Obwohl es mir auf der Zunge lag. Egal, nur noch wenige Schritte bis zum Haus, in dem Joscha, der Spielleiter des heutigen Abends wohnt.

Unten klingele ich, warte das Türsummen ab und steige viel zu viele Treppen hoch. Dabei stelle ich mir elementare Fragen zum Dasein, dem Universum und dem ganzen Rest: Warum wohnen alle Menschen aus meinem Freundeskreis oberhalb des dritten Stockwerks? Wie hoch ist die Lebensenergie von Urgaz? Was für Schätze hat der Ekelhafte gehortet?

Als ich endlich vier Stockwerke Altbau überwunden habe, steht die Tür bereits offen. Ich betrete den Flur von Joschas WG und schon gefriert mir das Grinsen im Gesicht. Es fällt zu Boden, wo es klirrend in 5W20 Einzelteile zerspringt. Denn im Flur höre ich die Worte: „Das müssen wir mal grundsätzlich besprechen.“ Es ist das Rollenspielgruppenäquivalent zu „Schatz, wir müssen reden.“ Nur, dass hier nicht Mann und Frau über ihre Beziehung diskutieren, sondern erwachsene Männer, selten Frauen, über gemeinsame Ausflüge in Welten voller Drachen, Dämonen und dickbusiger Amazonen. Die Chancen auf eine Einigung sind also weitaus geringer. Außerdem gibt es keinen Versöhnungssex.

Im Wohnzimmer sitzen Joscha und Victor auf der Couch und diskutieren. Sie verstehen sich eigentlich blendend. Wenn sie nicht grade über Politik reden. Oder Fußball. Oder Rollenspiele. Für Joscha ist Rollenspiel das gemeinsame Geschichtenerzählen. Der Abend ist für ihn wunderbar, wenn kein einziges mal gewürfelt werden muss. Wenn gemeinsam eine Geschichte kreiert wird. Oder er eine erzählen kann. Er ist gerne Spielleiter.

Victor dagegen liebt Zahlen. Es bereitet ihm orgasmische Zustände, wenn er drei Stunden und länger einen Charakter basteln darf. Auf zwanzig Tabellen Herkunft, Augenfarbe, Hautfarbe, Anzahl und Lage der Muttermale, Geburtsstand, Macken, Phobien sowie Neurosen und sämtliche variablen Merkmale auswürfeln kann. Und dann noch Traglast, Wiederbelebungswert, Höhenangstfaktor, Bewegungsmodifikator, Rabattrate bei Gemüsehändlern der gleichen Rasse und noch viel mehr ausrechnen darf. Jetzt ‚müssen‘ beide diskutieren. Eiskalter Schweiß läuft meinen Rücken herunter und ich frage mich selbst: „Musste Victor nicht einen neuen Charakter erstellen?“

Jetzt fängt Joscha an zu reden. „Wie willst Du Dich denn in einen Zwerg hineinversetzen? Die werden Hunderte von Jahren alt und leben jahrzehntelang unter der Erde, fernab vom Sonnenlicht. Sie kriegen romantische Anwandlungen, wenn sie Edelmetalle oder Juwelen finden. Tagelang schmieden sie filigrane Kunstwerke oder ein Jahrhundert lang ein perfektes Schwert. Das kann man sich als Mensch einfach nicht vorstellen.“ Wenn es nach Joscha ginge, müssten wir alle eigentlich alle Langzeitstudenten im Ruhrgebiet spielen. Da können wir uns schließlich so richtig gut reinversetzen. Victors Antwort ist berückend einfach: „Aber die kriegen plus eins auf Konstitution.“ Ehe sich die beiden mit spitzkantigen Würfeln bewerfen oder Joscha einen Heulkrampf kriegt, betrete ich das Wohnzimmer. „Hallo. geht’s gleich los?“ „Klar, wir machen nur noch eben einen Charakter fertig.“ lässt Victor mit typischem Euphemismus verlauten. Den Joscha sich sogleich anschickt zu dämpfen: „Wir müssen nur noch ein paar Details besprechen.“

Leicht verzweifelt setze ich mich auf meinen Lieblingsplatz auf der Couch, öffne schon mal eine Flasche Malzbier und beginne, meinen Kummer mit Haselnusspralinen zu ersticken. Dann muss Urgaz der Ekelhafte halt ein paar Stunden warten. Ich spiele trotzdem gerne mit Joscha und Victor. Das muss Freundschaft sein.

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