Hunger – Bonusmaterial

Mit freundlicher Genehmigung von Timo Grubing

Hunger – die Anthologie der lebenden Toten erscheint jetzt jede Minute und kann sogar vorbestellt werden. Zu dem epochalen Werk mit der namhaften Autorenliste – auf der sich auch mein Name befindet – muss eigentlich nichts gesagt werden. Zur Ergänzung, sozusagen als Prequel für meine Geschichte »Die hungrigen Lebenden« ist hier eine weitere Story aus der seltsamen Welt der Zombiekalypse zu lesen.

Die wandelnden Toten

Muhammad fluchte. Er war ein frommer Mann, sogar ein sehr frommer, aber die gotteslästerlichsten Verwünschungen brachen aus ihm heraus, während er durch die Gassen von Islamabad hetzte. Schweiß rann in Strömen über seinen Rücken und brannte in seinem frisch rasierten Gesicht. Ein irrsinniger Mob war hinter ihm her. Das konnte nicht Gottes Wille sein. Hastig warf er einen Blick über die Schulter. Von Wahnsinn verzerrte Blicke, zu Krallen verzerrte Hände, unablässig stöhnten die Verlorenen. Sie mussten krank sein, eine Art Tollwut. Gott sei dank waren sie langsamer als er, obwohl die schwere Weste unter seinem Hemd ihn behinderte. Er bog in eine schmale Gasse ab und rannte weiter. Beinahe wäre er gestrauchelt und in einem Müllhaufen gelandet, aber er konnte sich abfangen und kam fast ohne Verzögerung um das Hindernis herum. Er musste sogar lachen. Das hätte verdammt gefährlich werden können. Jetzt würde er diesen Kannibalen aus der Hölle noch einmal entrinnen. Vor seinen Augen hatten sie eine unschuldige Frau zerrissen und die Zähne in ihr warmes blutiges Fleisch geschlagen. Er sah nach vorne und erbleichte. Eine Mauer. Er war in eine Sackgasse gerannt.
Hinter ihm wurde das Geifern und Stöhnen der Toten lauter. Wäre alles nach Plan gelaufen, hätte er jetzt schon längst seinen Platz im Paradies gefunden. Heute Morgen hatte noch alles danach ausgesehen.

Er wachte in seinem billigen Hotelzimmer auf. Im kalten klaren Licht der Morgendämmerung sah es noch schäbiger aus als gestern Abend im Schein der flackernden Glühbirne. Muhammad betete, wusch sich und rasierte sich zum ersten Mal seit fünf Jahren den Bart ab. Zum ersten Mal, seit er zu Gott gefunden hatte. „Die Polizei achtet sehr genau auf Bärtige.“ hatte ihm der alte Mann eingeschärft. Muhammad warf noch einmal einen Blick in den Spiegel. In ein paar Stunden würde er tot sein. Und an den Freuden des Paradieses teilhaben – wenn der alte Mann recht hatte. Falls der Alte Unrecht hatte, würde Muhammad wohl in der Hölle landen. Zweifel, wie er sie aus seiner Jugend kannte, kamen auf. Vielleicht hatte keiner recht. Vielleicht gab es weder Paradies noch Hölle. Vielleicht war der Kampf vergeblich. Ein Klopfen an der Zimmertür riss ihn aus seinen Gedanken. Er schüttelte seine Zweifel, diese letzte Versuchung des Teufels, ab und öffnete. Vor der Tür wartete ein kleiner stämmiger Mann mit Glatze und Brille. Der Experte. Er hatte den Sprengstoff dabei und half Muhammad, die Weste anzulegen.
Von vorne sah alles gut aus. Wenn er sich umdrehte war auch von der Seite nichts zu sehen. Vielleicht konnte man ihn für ein bisschen moppelig halten, aber niemand sah ihm an, dass er einen Bombengürtel unter dem Jackett hatte. Er nickte dem Experten zum Abschied zu. Dann begab er sich auf den Weg zum Schrein der Sufis. „Sie glauben ihren Scheichs mehr als Gott, sie sind schlimmer als Ungläubige.“ hatte der alte Mann gesagt. Jetzt würde er, Muhammad, sie im Namen Gottes bestrafen. Aber schon auf dem Weg hatte er immer wieder Schreie gehört, Polizeisirenen und Schüsse. Nach und nach leerten sich die Straßen, bis außer ihm nur noch eine Frau unterwegs war. Dann kam die Horde und stürzte sich auf die Passantin. Die Toten verschlangen die Lebenden und er konnte nur noch fliehen.

Und jetzt war seine Flucht vergeblich. Die Mauer mehr als drei Meter hoch, eine Tür nirgends zu sehen. Muhammad drehte sich um, obwohl er schon hören und riechen konnte, was hinter ihm geschah. Die Masse der lebenden Toten drängte in die Gasse. Es mussten fast hundert sein. Ein alter Mann mit Turban, der linke Arm mitsamt Schulter herausgerissen. Eine dicke Frau, fast nackt mit aufgerissener Bauchdecke. Straßenkinder mit offenen Bisswunden und den grauen, leblosen Augen der Toten. Alle waren besudelt vom Blut ihrer Opfer. Sie würden ihn beißen, ihn packen und sein Fleisch zerreißen. Muhammads Hand wanderte zum Zünder in seiner linken Tasche. Die Toten wankten, schlurften, krochen näher. Ein Polizist in zerrissener Uniform mit zerfetztem Gesicht strecke die Hand nach ihm aus. Die schmutzverkrusteten zersplitterten Fingernägel des Toten erreichten beinahe seine Augen. Ein Druck auf den Zünder. Heißer Schmerz, weißes Licht.
Stille.

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