Von Wortpiraten und Wupperdichtern

Donnerstagabend, eine Bühne in Wuppertal: Ein junger Mensch steht auf dem Podium und liest vor. Das Publikum lauscht gebannt, einzelne Lacher kommen, der Text wird schneller, lustiger, das Lachen ebbt gar nicht mehr ab, der Text kulminiert in einem komischen Crescendo, alle applaudieren … und der Vorleser hat es in die zweite Runde geschafft. Willkommen bei einem Poetry Slam.

„Es gibt drei Regeln: Weder Requisiten noch Gesang, nur eigene Texte und nach fünf Minuten ist die Bühne frei.“
– typische Poetry-Slam-Regeln

Poetry heißt Poesie, Lyrik, Gedichte allgemein. Ein Slam ist ein Volltreffer oder ein Sportturnier. Poetry Slam übersetzt man oft als Dichterwettstreit – aber das klingt mehr nach Wagners Oper »Tannhäuser« als nach den Slammern, die auf der Bühne sprechen, deklamieren und auch mal blödeln. Auf den Bühnen in Wuppertal kommt alles vor. „Du hast Leute, die ihre tiefsten Gedanken in wunderschöne Worte fassen und dem Publikum mit ihrem wunderbaren Vortrag Pipi in die Augen treiben, Leute aus der Hip-Hop-Szene, die mit Worten fantastisch spielen und dich mit auf die 5-Minuten-Reise nehmen oder auch die lustigen Vorleser. Poetry Slam ist immer Wundertüte und zum Glück nicht immer nur lustig.“ so Sascha Thamm. Der Remscheider slammt seit zweieinhalb Jahren und tritt jeden Monat bei sechs bis zehn Slams im ganzen Bundesgebiet an. Auch beim Wortex, der seit 2009 von den Wuppertaler Wortpiraten David Grashoff und André Wiesler in der Börse moderiert wird. Jeden ersten Donnerstag im Monat kommen zwischen 100 und 200 Gäste. Das Publikum ist gemischt, erzählt David Grashoff: „Studenten, aber auch ältere Menschen und sogar ganze Schulklassen.“

„Zwischen zitternden Zeilen zaudernder Zauber, Herr Zett skizziert neben zartrosa Zinnfiguren einen azurblauen, zwitschernden Zugvogel und der – flog plötzlich los.“
– Patrick Salmen, Stadtrandnotizen

Das Publikum bestimmt, welcher Poetry Slammer eine Runde weiterkommt und krönt in der letzten Runde den Favoriten. Ganz piratenmäßig wird mit Goldmünzen abgestimmt. Jeder Besucher erhält beim Eintritt drei glänzende Plastikmünzen. Nach dem ersten Durchgang stellen die Piratenhelfer Schatztruhen mit den Namen der Künstler auf. Die Besucher werfen Münzen in die Truhe ihres Favoriten. Wer die meisten Stimmen bekommt, kommt weiter. Beim Wortex sind es meistens drei Runden: Erste Runde mit allen Slammerinnen und Slammern, nach der zweiten Runde ist die Hälfte ausgeschieden und in der dritten Runde treten die beiden Besten gegeneinander an. Dass jede Stimme aus dem Publikum ausgezählt wird, ist eher die Ausnahme. Bei vielen Slams schätzen Veranstalter und Moderator anhand der Applauslautstärke die Beliebtheit eines Textes ab. Manchmal bilden auch ein paar zufällig ausgewählte Publikumsnasen eine Jury. Weil das nicht immer fair sein kann, haben sich die Wuppertaler Wortpiraten für das Votum per Goldschatz entschieden. Beide Piraten sind gebürtige Wuppertaler und bieten nicht nur auf der Bühne Wortakrobatik sondern auch als Autoren in gedruckter Form an. Für André Wiesler zeichnet sich die Slam-Szene in der Stadt durch ihre „überschaubare Größe bei gleichzeitiger hoher Text-Qualität“ aus, im gleichen Atemzug fügt er hinzu, dass er Poetry Slam mittlerweile als wichtigen und etablierten Teil der Wuppertaler Kulturszene ansieht. Sein Kompagnon David Grashoff zählt Poetry Slam immer noch ein Stück weit zum Underground, auch wenn die Kunst ‚mainstreamiger‘ geworden ist als noch vor einigen Jahren.

„Am sechsten Tag erschuf Gott die Silberfischchen. Und da diese ja auch irgendwo wohnen mussten, flieste Gott ein Erdloch und nannte es Badezimmer. Da gefiel es den Silberfischchen so gut, dass sie sich rasant vermehrten und Gott schuf noch mehr Badezimmer. Da er die aber nicht alle reinigen wollte, schuf Gott den Menschen. “
– Sascha Tamm

„Manche Sachen bleiben ewig ‚Underground‘ weil sie schlichtweg schlecht sind.“ entgegnet Patrick Salmen auf die Frage zu Mainstream und Untergrund. „All dieses Gerede von Credibility und Glaubwürdigkeit kann doch niemand mehr hören. Ich jedenfalls freue mich, wenn es vielen Zuschauern gefällt und ich viele Menschen mit Geschichten begeistern kann.“ Salmen hat 2010 die deutsche Poetry-Slam-Meisterschaft gewonnen. Seine Texte, unter anderem über Männlichkeit und Mozzarella, bewegen sich zwischen Selbstironie und Melancholie, er trägt sie fast schon lakonisch mit markanter Reibeisenstimme vor. Salmen liebt den Facettenreichtum der Slamkultur. „Slam lebt von seiner unglaublichen Vielschichtigkeit. Ob Komödie oder Tragödie, Lyrik, Prosa, Performance, der klassische Geschichtenerzähler.“ Salmen wünscht sich allerdings mehr ruhige, sprachlich raffinierte Geschichten. Zwar sei es nicht verkehrt, wenn die meisten Menschen zum Lachen auf Slams gehen, aber das Format biete halt doch sehr, sehr vieles mehr.

„Besitzt man eine Zeitmaschine
Trifft man Oktopusdelphine“
– Jan Philipp Zymny

Da sich der Poetry Slam also über die Grenzen der Lyrik hinwegbewegt, würde der Lektor und Slammer Martin Hagemeyer ihn gerne umbenennen. „Hätte ich zu sagen im Land, hieße das Genre einfach ‚Text Slam‘! Klingt bloß zu langweilig.“ Hagemeyer tritt in Wuppertal am liebsten auf der Slambühne im Container am Barmer Opernhaus auf. Jeden letzten Freitag im Monat steht die Bühne Poeten und Textschmieden jeglicher Coleur offen. Seit 2007 gibt es den Slam, es passen bis zu 35 Gäste in das kleine Veranstaltungshaus. Der Moderator Markus Höller arbeitet normalerweise als Theaterpädagoge bei den Wuppertaler Bühnen. Für ihn bereitet Slam Poetry jungen Talenten eine erste Bühne, wie man es an Patrick Salmen oder dem Berliner Kabarettisten Michael Feindler sieht. Beide haben ihre ersten Auftritte unter anderem im Wuppertaler Container gehabt.

Zum Nachwuchs gehört auch Jan Philipp Zymny. Der (zum Zeitpunkt des Interviews im Herbst 2012 mutmaßlich) 19-Jährige aus Wuppertal slammt unter anderem über Hummelfellmäntel und den Privatdetektiv Henry Frottey. Und hatte schon jede Menge große Momente auf der Bühne hinter sich „die erste wirklich große Lesung mit meinem Poetry Slam Team in Belecke, wo wir vor 200 Leuten in einem Theater aufgetreten sind und fast drei Stunden Programm gemacht haben, weil die Leute uns nicht von der Bühne gelassen haben. Oder die FritzNacht der Talente im Admiralspalast in Berlin vor mehr als 1000 Leuten. Ich hab nur einen Text gelesen, aber es war groß und fantastisch und verrückt. Und ein ganz normaler Poetry Slam in Frankfurt, wo mir hinterher einfach wirklich bewusst geworden ist, dass wir mit dem Slam den Leuten einen schönen Abend bereitet haben.“ Gute Texte erkennt Zymny anderem daran, dass sie das Publikum mitziehen und den Stil des Vortragenden transportieren.

„Sag mir, wie komme ich von hier nach Aus?
Ich will da rein, über die Aus-Grenze hinaus.
Also, was ist das für ein Ort, an dem doch jeder schon mal war,
doch wen auch immer ich grad nach der Richtung frag,
grad der ist sicherlich noch niemals da gewesen.“
– Rebekka Möller

Das Offensivdichten auf der Bühne ist wie auch im Rest der Republik in Wuppertal eher von Männern dominiert. Natürlich gibt es immer wieder weibliche Slam-Talente auf den Bühnen. Die Wuppertalerin Rebekka Möller hatte mit ihren Wortkünsten den zweiten Platz beim Remscheider Karl-Michael-Vogler-Preis 2010 erstritten, ist aber seit einem Jahr nicht mehr aktiv. Und es gibt Anke Fuchs, die hier geboren wurde, aber seit ihrem neunten Lebensjahr in Köln – jetzt in Bonn – gewohnt hat. Sie moderiert die Kölner Lesereihe „PoetryBites – Voll das Lesen“ und veranstaltet mehrere Slams in der Domstadt. Vielleicht hat sie ja in ihrem Gedicht „Heimat – Was es ist“ an ihren Geburtsort Wuppertal gedacht: „Bei ‚Heimat‘ sehe ich Felder und rieche einen Küchenduft nach Kartoffeln und Mehl, und vielleicht ist da noch eine Melodie, ein Singsang Gesprächsessenzen, die Stimmen Vertrauter.“

Dieser Artikel erschien in ähnlicher Form unter dem Titel »Dichterwettstreit klingt so nach Wagner-Oper …« in der Winterausgabe 2012 des Wuppertaler Top Magazins.

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