Eine kurze Geschichte der Überwachung

Zu Gast im Kontakthof

Am vergangenen Donnerstag startete in Wuppertal die Lese-und Diskussionsreihe Texte.Tresen.Argumente. Auf Einladung von Jörg Degenkolb-Değerli und André Wiesler waren die Schauspielerin Anne-Catherine Studer und ich als Gäste eingeladen. Mit Texten und Gesprächen haben wir uns im Kontakthof dem NSA-Skandal angenähert.

Wer keine Lust hat, den Mitschnitt in seiner epischen Länge von anderthalb Stunden anzusehen, kann hier einen meiner Texte zum Thema lesen. Er ist ein Versuch, das Phänomen Überwachung (kultur-)historisch einzuordnen. Eventuelle Fehler bitte ich zu entschuldigen und in den Kommentaren anzumerken.

Eine kurze Geschichte der Überwachung

Das Konzept der Überwachung ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit. Allerdings war es zunächst metaphysischer Natur: Rund um die Uhr schauten mehr oder weniger allwissende Gottheiten der Menschheit zu und bestraften Übeltäter – wenn auch in der Regel erst im Leben nach dem Tode.
Im antiken Ägypten gab es zum Beispiel eine Art himmlische Vorratsdatenspeicherung. Zugang zum Leben nach dem Tode hatten nur die Seelen, die ein reines Leben geführt hatten. Also legte der Totenrichter Anubis das Herz eines jeden Verstorbenen auf eine Waagschale. War das Organ schwerer als eine Feder der Göttin Ma’at, verschlang ein krokodilköpfiges Ungeheuer die Seele. Der Delinquent in einem solchen Totengericht konnte sich also nicht auf den Datenschutz berufen, sondern musste tatsächlich „nichts zu verbergen haben“.
Im Mittelalter gab es natürlich in Europa die Vorstellung von einem allwissenden, allessehenden, christlichen Gott. Zum jüngsten Gericht wird er das Buch des Lebens aufschlagen, in dem alle guten Menschen verzeichnet sind. Modern gesagt handelt es sich bei diesem Buch um eine Whitelist – wie bei einem Spamfilter werden nur die vertrauenswürdigen User weitergeleitet.
In dieser ganzen Zeit erfolgte eine Überwachung immer nur durch mündliche Zeugenaussagen, die genauso zuverlässig oder unzuverlässig waren wie ihre Überbringer.

Die Vision von einer totalen, lückenlosen und unanfechtbaren Überwachung war also bis zum Beginn der Moderne eine Idee aus dem Reich des Metaphysischen. Passend dazu übernahm die Kirche mehr oder weniger Elemente der Überwachung: Mit der Beichte wurden die Kerndaten aller kleinen und großen Sünden zumindest im Kurzzeitgedächtnis des Beichtvaters gespeichert. Nach der Absolution war zwar das Gewissen erleichtert, aber zugleich wusste der oder die Beichtende, dass es einen Mitwisser gab. Ob diese Informationen entgegen dem christlichem Dogma genutzt wurden, ist umstritten und heute auch nicht nachzuweisen.
Zum Ende des Mittelalters begann mit Kirchenbüchern die Eckdaten eines Lebens, Geburt, Hochzeit, Tod, festgehalten. Dort beginnt schon die Verknüpfung mit Staatsinteressen. In immer mehr Orten ordnete auch die Obrigkeit an, dass solche Register geführt werden sollten.

Mit der Bildung von Staaten, wie wir sie heute kennen, wird die Überwachung immer wichtiger. Nicht das Vertrauen in die göttliche Vorsehung sorgte für den Machterhalt, sondern die Kenntnis von geplanten Revolten. Damit der Staat weiterbestehen konnte, musste er seine Bürger im Blick behalten. Ein Grundstein für das moderne Konzept der Überwachung war das Panopticon des Engländers Jeremy Bentham im späten 18. Jahrhundert. Bentham, obwohl einer der liberalen Denker seiner Zeit, entwarf den feuchten Traum jedes NSA- oder Stasi-Agenten: Ein Gefängnis, in dem alle Insassen einer totalen Überwachung unterworfen waren. Von einem zentralen Turm aus war jede Zelle einzusehen. Die Gefangenen konnten ihren Überwacher nicht sehen, wussten also nie, wann sie überwacht wurden. Sie mussten davon ausgehen, dass sie ständig überwacht werden und sich dementsprechend verhalten. Die Folgen waren Selbstüberwachung und Selbstkontrolle.
Der Philosoph Michel Focault entwickelte aus dieser Idee in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Theorie der Disziplinargesellschaft. Die Gesellschaft ist hier selbst zu einer Art Gefängnis geworden, weil ihre Mitglieder ihre Normen verinnerlicht haben.
Benthams Panopticon funktionierte natürlich nur in begrenzten Orten wie Gefängnissen, Fabriken und Schulen, zur Überwachung aller Bürger waren die Staaten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts immer noch auf Menschen, auf Spitzel angewiesen. Diese überwachten mit eigenen Augen und Ohren und erhielten dafür Belohnungen oder sie waren ideologisch motiviert.

Oft mussten diese Spitzel den Kontakt suchen, im Gesprächen auf heikle Themen hinsteuern oder sich ungesehen den Verdächtigen nähern, um sie zu belauschen. Überwachung wurde vor allem durch einen Ausbau der Spitzelnetzwerke ausgeweitet. Mehr Menschen konnten mehr Daten sammeln.
Wie zum Beispiel die Blockleiter oder Blockwarte der Nazis. Rund eine halbe Million Menschen kontrollierten und protokollierten das Verhalten ihrer Nachbarn im Auftrag der NSDAP. In der DDR wurden Privatpersonen als „Inoffizielle Mitarbeiter“ der Staatssicherheit angeworben, nicht immer freiwillig. Manchen Schätzungen zufolge kam auf 90 DDR-Bürger und Bürgerinnen ein IM. IMs hatten die Aufgabe, alles über bestimmte Personen in ihrem Umfeld zu berichten. Das konnten Freunde, Ehepartner oder Familienangehörige sein.

Gleichzeitig spielt sich natürlich auch eine technologische Entwicklung ab. Im 19. Jahrhundert entstanden Kommunikationstechnologien, die unweigerlich auch zur Überwachung genutzt wurden. Kaum gab es Telefone, wurden Unterhaltungen aus den Operatorräumen mit angehört.
1945 startete das Projekt Shamrock der USA. Der Vorgänger der NSA, die Armed Forces Security Agency, sammelte Mikrofilmkopien von allen Telegrammen in das und aus dem Ausland. In dieser Hinsicht bietet der aktuelle Überwachungsskandal also nichts Neues. Der einzige Unterschied ist, dass Shamrock nach dem Bekanntwerden 1975 eingestellt wurde. Weit reichende Folgen hat der Watergate-Skandal. 1973 trat US-Präsident Richard Nixon zurück, nachdem bekannt wurde, das auf seine Anweisung hin Wanzen im Hauptquartier der demokratischen Partei platziert wurden. Schließlich musste er nach jahrelanger Berichterstattung mit immer neuen Skandalen sein Verhalten eingestehen, weil er seine eigenen Aussagen auf Band aufgenommen hatte.

Der aktuelle Überwachungsskandal, aufgedeckt von Edward Snowden, stellt alle bisherigen menschlichen Überwachungsphantasien in den Schatten. Die absolute Überwachung der Post-9/11-Zeit kommt fast an die Visionen vom göttliche Auge heran. Wer unsere Google-Suchanfragen kennt, weiß fast schon, was wir denken. Via Facebook und Smartphone sind wir unsere eigenen Spitzel und berichten rund um die Uhr. Mit der Kommunikationstechnologie ist auch die Überwachung auf ihrem Höhepunkt angekommen.

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4 Kommentare

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4 Antworten zu “Eine kurze Geschichte der Überwachung

  1. Amina Hensler

    Hallo Fabian,
    Woher hast du die Informationen für deinen Blogeintrag, wenn ich das fragen darf? Ich schreibe nämlich gerade eine Arbeit zu dem Thema Überwachung und bin immer auf der Suche nach Quellen. 🙂
    lg Amina

  2. fabioso

    Für die Fakten und Zahlen habe ich vor allem in der Wikipedia nachgeschlagen, zum Rest müsste ich noch einmal nachschauen.

  3. fabioso

    Zum Thema Überwachen in den / durch die USA habe auf historycommons.org recherchiert: http://www.historycommons.org/timeline.jsp?timeline=civilliberties&civilliberties_surveillance

  4. Pingback: Mit Überwachung die Demokratie aushebeln | Pressebüro Hammaburger Texte (PHT) Hertha Kerz

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